Thinking Hands Workshop, 6. – 7. November 2021

Dieses umfangreiche Bildwerk in Form eines Banners ist das Ergebnis des Workshops Corona – Das kreative Potenzial der Krise vom 6. und 7. November 2021. Studierende verschiedener Fachbereiche haben sich dafür im Marsilius Kolleg, dem Center for Advanced Studies der Universität Heidelberg, getroffen und in Zusammenarbeit mit einem Künstlerteam unter der Leitung von Prof. Annika Guse mit den Aspekten der Corona-Pandemie auseinandergesetzt, die sie selbst und ihr Umfeld positiv verändert haben.

Der Entstehungsprozess dieses Werkes fand nach dem Prinzip Thinking Hands statt, eine zeichnerische Technik, die darauf basiert, dass eine Gruppe ein Thema gemeinsam diskutiert, zeichnet und die Bilder dann verbindet und kombiniert, um eine umfassende Perspektive zu erhalten. Moderiert und unterstützt wird der Prozess von professionellen KünstlerInnen und DesignerInnen, um die Visualisierung zu schärfen und eine zugängliche Erzählweise herzustellen.

Thinking Hands (TH) wurde von Prof. Annika Guse, Biologin, und Dr. Stephanie Guse, Künstlerin, entwickelt, um komplexe Forschungsthemen zu vermitteln und wird seit 2014 mit Forschenden und Studierenden der Universität Heidelberg zu verschiedenen Themen eingesetzt. TH wird auch zukünftig die Basis des gemeinsamen Forschungsprojektes ¡vamos, simbiosis! sein, das einen Beitrag dazu leisten möchte, die Verbindung zwischen Mensch und Meer in Zeiten des Klimawandels neu zu definieren und durch interdisziplinäre Auseinandersetzung Ideen für einen nachhaltigen Lebensstil zu entwickeln.

Das vorliegende Werk mit dem Titel Routine-Eingriff zeigt, wie ein Thema, in diesem Fall die positiven Auswirkungen der Corona-Pandemie, gemeinschaftlich diskutiert und visuell geordnet werden kann, so dass gemeinsame Schwerpunkte entstehen. Der Titel verweist darauf, dass Corona unsere Routine gestoppt hat und durch den weitreichenden Eingriff verschiedene Lebensaspekte neu überdacht wurden.

Thematisch haben sich drei Aspekte herauskristallisiert: 

  1. Die Natur als sicherer, inspirierender und verbindender Aufenthaltsort
  2. Die Veränderung des persönlichen Selbstverständnisses 
  3. Die Bedeutung des gesellschaftlichen Empfindens

Das Banner zeigt diese drei Themen sowie die Visualisierung des Titels. 

Wenn man das Mosaik von oben links in Zeilen nach unten rechts liest, ist im oberen Bereich (Zeile 1-5) sichtbar, wie die Beteiligten die Pandemie generell wahrgenommen haben, nämlich als sinnbildlicher Meteoriteneinschlag im Kopf. Im Gehirn musste zuerst Platz geschaffen werden, um dann eine Umstrukturierung vorzunehmen und diesem einschneidenden Phänomen in unserem Weltbild einen Platz einzuräumen.

Der nächste Abschnitt (Zeile 6-11) befasst sich mit der Natur, die vielen als Zufluchtsort erschien und die Möglichkeit bot, sich fernab des Lockdowns zu bewegen. Teilweise auch in Gesellschaft, was ein dringendes Bedürfnis in dieser Zeit darstellte, da soziale Kontakte stark eingeschränkt waren. Daraus entwickelte sich eine Kultur der Rückbesinnung auf die Natur und auf die heilende, meditative und erfüllende Beziehung, die Mensch und Natur verbindet. Dargestellt ist in diesem Themenbereich, wie Mensch und Natur wieder zusammenwachsen und sich daraus zuweilen sogar eine Bewegung entwickelt, bei der Menschen andere mitnehmen, um diesen neuen Zugang zu teilen und zu vermitteln.

Im Folgenden (Zeile 11-17) ist zu sehen, wie sich der einzelne Mensch, im Lockdown auf sich zurückgeworfen, entwickelt. Der Blick geht nach innen, Nachdenken und Meditieren führt zum Erkennen von neuen oder lang brachliegenden Interessen, die nun verfolgt werden. Dadurch erfinden sich viele Menschen neu. Sie widmen sich persönlichen Interessen, Sport und Philosophie. Alte Routinen kommen auf den Prüfstand und persönlicher Ballast wird abgeworfen. In diesem Abschnitt symbolisieren umherflatternde Schmetterlinge die Suche nach dem neuem Selbst. Sie strömen aus einem Glas, ein alltäglicher Gegenstand, und schwärmen aus, um Möglichkeiten der Entfaltung zu finden.

Im unteren Teil (Zeile 17-20) steht das Schiff „MS Lonely“ für die Gesellschaft, in der Menschen im Lockdowngemeinsam und doch allein unterwegs waren: gemeinsam wurde von separierten Balkonen für Pflege- und medizinisches Personal geklatscht. Alle tragen eine trennende Mund-Nasen Schutzmaske an Orten der Zusammenkunft. Die Digitalisierung, durch Pixel dargestellt, ist das verbleibende verbindende Kommunikationselement. Die Bedeutung der Wissenschaft für die Gesellschaft kommt in den Fokus und wird neu definiert. 

Die Gemeinschaftsarbeit Routine-Eingriff zeigt eindrücklich viele Aspekte, die einer gesamtheitlich als katastrophal erlebten Situation positiv abgewonnen werden konnten. Sie offenbart, dass die wichtigsten Veränderungen im Kopf stattfinden und dass durch Anpassung Neues entsteht, das eine zukünftige Routine und ein Wegweiser für das eigene Leben werden kann.

Folgende StudentInnen waren an der Arbeit beteiligt: Lea Adams, Julie Audebert, Leonie Bechthold, Jana Berlanda, Defne Cobanoglu, Johanna Daas, Alida Gupta, Kaspar Haas, Christopher Hub, Yongxi Lu, Marlene Metz, Valentina Neukel, Jana Pickartz, Alexandra Reimers, Nina Stoll, Mohammad Taha, Ronja Völk, Elisa Wegereich, Jule Zimmermann.

Geleitet wurde der Workshop durch: Prof. Dr. Annika Guse (Biologie), Universität Heidelberg; Dr. Stephanie Guse (Kunst), Wien; Katrin Funcke (Illustration), Berlin; Kristina Heldmann, (Illustration), Berlin und Stefan Michaelsen, Kommunikationsdesigner, Essen. 

Besonderer Gast: Dr. Tanja Granzow, Ethnologin, ForscherinUnser Dank für die finanzielle Unterstützung des Workshops gilt der Universität Heidelberg und der European Molecular Biology Organisation (EMBO), sowie dem Marsilius-Kolleg für die zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten.